Wortgewalten
Der Texter-Blog über fahrende Mythen.
Oder: Wie Sie am erfolgreichsten in sinnlose Werbung investieren.
Dienstag, 06. Juli 2010, 23:34 Uhr:
Auf meinem Weg zur Arbeit sehe ich die seltsamsten Dinge: Hunde, die Menschen Gassi führen. Autofahrer, die 'rechts vor links' nicht von 'links vor rechts' oder 'Fußgänger vor allem' unterscheiden können. Autos, die Werbung durch die Gegend fahren. Und spätestens das ist der Zeitpunkt, an dem mein Job mich schon einholt, bevor ich im Büro ankomme ...
Heute stand ich mit meinem pinkfarbenen Auto und voll aufgedrehtem Bass an der Ampel, die Leute lachten mich aus lächelten mir zu, die Sonne blendete mich schien, kurz: Es war ein wundervoller Morgen. Bis mein Blick auf den Vordermann fiel.
»Wir haben die Lösung!« stand in filigranen, silbernen Lettern auf der Heckscheibe des niegelnagelneu glänzenden Kombis. »Toll!«, dachte ich, »Und wofür?« Hinten drauf: Nix. Außer diesem Slogan und der Adresse nebst Telefonnummer. Keine Webadresse. Also werde ich neugierig — irgendwo muss schließlich stehen, was der Autofahrer / seine Firma so treibt und wofür er 'die Lösung' hat.
Nun ist es ja so, dass neugierige Menschen die dollsten Dinge treiben: Überholmanöver bei durchgezogener Linie, wilde Verfolgungsjagden durch fremde Stadtteile, rasches Einfädeln, um einen unauffälligen Blick auf Kotflügel und Motorhaube zu werfen (Nein, liebe Stadtpolizei — ICH würde so etwas natürlich nie tun!), lange Rede, kurzer Sinn: Kein Hinweis darauf, was die Firma mit dem viel versprechenden Slogan so treibt.
Mir dagegen trieb es darob nicht nur den Schweiß auf die Stirn, sondern auch gleich fantastische Blüten ins Hirn. Stellte mir also vor, wie ich in dieser Firma anrufe (sofern ich bei dem Tempo des Slogantragenden überhaupt die Telefonnummer abschreiben konnte):
»Guten Tag. Mein Name ist Neß und ich habe gelesen, Sie haben die Lösung.«
»Ja, das ist richtig. Wir haben die Lösung für Ihr Problem«, tönt es wohlwollend vom anderen Ende der Leitung.
»Super. Also, Probleme sind folgende: Mein Kind muss um 15.30 Uhr vom Kindergarten abgeholt werden. Ich habe aber um 14.30 Uhr einen Kundentermin, der länger dauern könnte. Außerdem brauchen wir Wasser, mein Mann hat vergessen, welches mitzubringen. Unser Antiallergikum gegen den Heuschnupfen ist alle. Mein Bikini ist plötzlich eine Nummer zu klein. Ich habe keine Ahnung, was die Stabheuschrecken, die mein Kind gestern geschenkt bekommen hat, so fressen. Und überhaupt ist meine To-Do-Liste zu lang für diesen Tag. Gott, ich bin soooooo froh, dass Sie die Lösung für all meine Probleme haben! Äh ... hallo? Haaallo?«
Sie sehen, worauf ich hinaus will: Der beste Slogan (Gut, "Wir haben die Lösung!" ist NICHT der beste Slogan.) bringt Ihnen nichts, wenn Sie vergessen zu kommunizieren, wofür Sie eigentlich werben. Ein aussagekräftiger Firmenname und / oder eine Subline und / oder ein Slogan mit der Aussage womit Sie so dienen können, ist äußerst hilfreich, wenn Sie schon Geld für Werbung auf Autos ausgeben.
Ein gutes Beispiel für diese Art der Werbung ist der Herr, der mich im morgendlichen Berufsverkehr zuverlässig an derselben Straßenecke mit seinem lila Ford Ka schneidet: »PC-Probleme? [Webadresse]« Super, denke ich als Texter. Das sagt mir gleich »Hey, das ist ein IT-ler, der kann mir helfen, wenn mein Rechner zickt, Webadresse ist leicht zu merken.«
Mooooooment. Bevor Sie jetzt losstürmen, um Ihre Auto-Werbung in Auftrag zu geben: Da ist etwas, dass Sie nicht vergessen sollten. Bei Werbung auf Autos macht auch der Fahrstil die Musik. Einem aggressiven Rowdy im lila Ford Ka traue ich sicher keine Akuratesse in Sachen IT und noch weniger zahlungskräftige Kunden zu. Wenn Sie also Ihren Firmennamen nebst aussagekräftigem Slogan spazieren fahren wollen, denken Sie daran:
Der potenzielle Kunde registriert alles. Die Beule am linken Kotflügel, das Nicht-Reinlassen beim Reißverschlussverfahren, die flüchtige Geste im Rückspiegel.
Und während ich so über meinen Gedanken fast die Grünphase verpasste, sah ich zu meiner Rechten einen Lieferwagen: »Ihr Problem ist unsere Aufgabe«, stand auf der Flanke. »Aha!«, dachte ich, »Das ist also derjenige, der für meine Probleme verantwortlich ist. Na, diese Telefonnummer notiere ich mir in jedem Fall — dem werd ich nachher was erzählen!«
Fazit: Folienwerbung auf Autos ist günstig, kann Sie aber teuer zu stehen kommen, wenn sie falsch eingesetzt wird. Mein Tipp: Fragen Sie einen Werbeprofi zur Unterstützung an — oder schlafen Sie ein Mal drei Mal darüber.
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