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Emanzipation vs. SEO: Texter oder Texterin?

 

Donnerstag, 24. Januar 2008, 09:36 Uhr: Neulich auf Xing:

»Immerhin sind wir ja Texter (bei werbetexterin.de )«, schrieb ich während einer kleinen Diskussion.

»Texterin(nen), Verehrteste, so viel Zeit muss sein!«, antwortete mein virtuelles Gegenüber. Ein emanzipatorischer Seitenhieb. Von einem Mann! Das saß.

»Da können Sie mal sehen. Ich bin schon so im Business, dass ich sogar suchmaschinenoptimiert denke,« konterte ich mit einem Augenzwinkern. So ganz zum Lachen war mir aber nicht.

 

Was wie aus der Pistole geschossen kam, ist gar nicht so selbstverständlich, wie es klingt: Was hat SEO mit meinem Geschlecht zu tun?

 

Fakt ist: Texterinnen, die Wert auf ihren geschlechtsspezifischen Suffix legen, werden bei Google & Co. schlichtweg nicht gefunden. Denn wer gibt schon »Texterin« als Suchwort ein? Gesucht wird in der Regel doch immer nach dem geschlechtsneutralen Texter. Und da beißt sich die Katze in den Schwanz: Der Kunde sucht ja nicht nur männliche Texter, sondern auch Texterinnen. Letztlich ist ihm das Geschlecht seiner Dienstleister oft schlichtweg egal. Aber um so viele Ergebnisse wie möglich zu erhalten, greift er auf den neutralen Begriff »Texter« zurück — immerhin soll seine Suche doch erfolgreich sein.

 

Wer also ist schuld an dem Dilemma? Die Texterin, ihre Geschlechtsidentität der SEO zuliebe verschleiernd, die Suchmaschine, die eine Texterin nicht als Texter erkennt — oder der Kunde, der einen Texter sucht, nicht aber die Texterin? Vermutlich eine ähnliche Frage wie die nach dem Huhn und dem Ei. Oder was meinen Sie, meine Damen und Herren?

 

 


Kommentar von sophistos am 2008-02-01 00:36:33

Kommentar zu SEO versus Emanzipation, Suchmaschinenoptimierung live

Hallo Nadine,

auf der kollektiven Ebene hat dieser ganze PC-Sprech wenig mit Emanzipation zu tun, aber viel mit "Bescheuertheit". Das ist eine neue soziologische Kategorie, die zwar wenig wissenschaftlich klingt, aber sehr schlüssig ist. Hier ein Link dazu: http://www.online-merkur.de/seiten/lp200801a.php
Aber auf der individuellen Ebene finde ich "Texterin" perfekt.

Viele Grüße,
sophistos

Kommentar von Nadine Neß am 2008-02-11 22:01:27

Bescheuertheit wissenschaftlich belegt?

Lieber Sophistos,

vielen Dank für Ihren Kommentar. Dass Bescheuertheit mittlerweile als wissenschaftlich ergründetes Phänomen gilt, ist ganz schön bescheuert. Aber irgendwie logisch. Und sehr interessant.

In gewisser Weise hat der "PC-Sprech", wie Sie es nennen, ganz sicher doch etwas mit Emanzipation zu tun: Der Emanzipation des Web 2.0.

Vielleicht ist es dieser Generation gar nicht mehr so wichtig, ob sie nun - professionell gesehen - männlich oder weiblich ist. Vielleicht ist die Zeit für eine neue Emanzipation gekommen?

Nachdenkliche Grüße,

Nadine Neß

Kommentar von sophistos am 2008-02-15 01:19:27

Gute Texte haben kein Geschlecht - gute Texterinnen aber schon

Liebe Nadine,

mir persönlich ist das Geschlecht auch bei den meisten Dienstleistungen egal. Ich glaube, wenn es anders wäre, dann würde man entweder die DL nicht ernst nehmen oder die Person, die sie ausführt, oder beides. Aber ich freue mich immer über und natürlich für emanzipierte Frauen, die sich professionell durchsetzen :-)

Kollegiale Grüße, auch an die Chefin!
sophistos

Kommentar von Herrn W am 2008-05-07 19:23:31

Ich finde ja ...

Ich finde ja, es geht nur eins von beiden: Entweder man optimiert einen Text für Menschen -- oder für Maschinen.

Ersteres ist schwer genug. Wenn ich aber merke, dass es der Autor einer Website in erster Linie auf ein möglichst hohes Suchmaschinenranking abgesehen hat, gehe ich normalerweise weg, genauso wie ich mich von einem Menschen, der im Smalltalk auf einer Party ständig seine zwei Dutzend "key words" erwähnt, schnell abwende. (Das nur als weiteres Beispiel dafür, wie die Sprache zurechtgebogen wird, um sie suchmaschinentauglich zu machen.)

Ich möchte im Web genauso angesprochen werden wie im wirklichen Leben.

Aber wie kommen Sie darauf, es könnte als Zeichen mangelnder Emanzipation gedeutet werden (denn das suggeriert Ihre Überschrift), wenn eine Texterin sich als "Texter" bezeichnet? Das Gegenteil ist der Fall: Sie emanzipiert sich: von der sprachlichen Konvention. Wenn sie es konsequent handhabt, sich also auch als Bürger, Mieter oder Autofahrer bezeichnet, als Kunde oder Verkäufer, Realist, Fundamentalist, Pessi- oder Optimist, warum nicht?

Man kann argumentieren, dass perfekte Geschlechterneutralität in der (deutschen) Sprache sowieso nicht geht und es deshalb vielleicht besser ist, konsequent das männliche Genus anzuwenden statt sich auf den Kompromiss einzulassen, hier und da, wo es möglich ist, abgeleitete Berufsbezeichnungen nach dem Schema "maskuline Form + in" zu verwenden, es aber ansonsten dabei zu belassen, dass deren Vertreterinnen zu Vertretern werden, sobald sich ein männliches Exemplar daruntermischt, und ansonsten die Frauen eben "mitverstanden" sind.

Es irritiert mich trotzdem, wenn sich, wie ich es immer wieder sehe, eine Kollegin mit den Worten vorstellt "Ich bin Übersetzer" oder wenn mich eine Freundin fragt "Du meinst also, ich sei Perfektionist?" Und mehr als irritiert wäre ich vermutlich, wenn sich der Arzt meines Vertrauens als Ärztin entpuppte, jedenfalls dann, wenn ich statt zum Urologen zur Urologin müsste. (Dies als Beispiel; nicht dass mir unterstellt wird, ich traute einer Zahnärztin keine ebenso gute Arbeit zu wie einem Zahnarzt.)

Davon abgesehen hat es durchaus seinen, vielleicht etwas spröden, Charme, wenn beispielsweise Ihr Chef (Ihre Chefin) einem Kunden vorschlägt, sein (!) Juniortexter solle den Auftrag übernehmen, weil er (!) gerade Kapazitäten frei habe. Auf diese Weise lassen sich nicht nur subtile Botschaften, etwa zum Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Verhältnis, übermitteln, sondern auch der Überraschungseffekt ist sicher nicht ganz ohne, wenn sich der Texter am Ende als Texterin entpuppt. Kreative dürfen so was.

Es grüßt der Herr W.

Kommentar von Nadine Neß am 2008-05-08 12:42:18

Kommentar zu Herrn W.

Lieber Herr W.,

vielen Dank für eine schöne, anregende und amüsante Frühstückslektüre!

Ihr "Small Talk"-Beispiel finde ich großartig, Sie haben vollkommen recht. Es wird schnell langweilig, unglaubwürdig und anstrengend, wenn Worte inflationär gebraucht werden - im Web wie im wirklichen Leben.

Deshalb betonen wir auf dieser Website und auch unseren Kunden gegenüber immer wieder, dass bei uns der Mensch im Vordergrund steht. Es geht darum, wertvolle Informationen zu vermitteln.

Die Suchmaschinenoptimierung ist dabei Mittel zum Zweck - damit diejenigen, die sich für ein bestimmtes Thema oder eine Dienstleistung interessieren, diese auch wirklich finden.

Ihre Ausführungen zur Geschlechterneutralität in der deutschen Sprache finde ich sehr interessant - Sie zeigen aber selbst anhand des sehr amüsanten Urologen-Beispiels, dass es in einigen Fällen besonders wichtig ist zu wissen, ob man mit einem Mann oder einer Frau rechnen darf.

In der Tat hatte ich in den letzten drei Tagen drei Anfragen von (männlichen) Kunden, die Wert auf eine TexterIN legten. Sie unterstellen der weiblichen Zunft - in unserem speziellen Fall auch völlig zu Recht - Emotionalität und Einfühlungsvermögen, ja sogar mehr Leidenschaft fürs Texten, als sie es offenbar männlichen Kollegen zutrauen.

Das finde ich sehr interessant, zumal die Anfragen aus völlig unterschiedlichen Branchen kommen und sogar vermeintliche Männerthemen betreffen.

Dennoch haben uns alle drei Kunden über das geschlechtsneutrale Keyword "Texter" gefunden ...

Was Sie aber mit den "subtilen Botschaften zum Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Verhältnis" meinen, das müssen Sie mir noch einmal erklären:

Ich spreche von meiner Chefin oder dem Senior, sie von ihrer Kollegin oder dem Junior. Was sagt das über uns aus? ;-)

Weiblich-neugierige Grüße,

Nadine Neß

Kommentar von Herrn W. am 2008-06-20 13:00:42

Antwort von Herrn W.

Liebe Nadine Neß,

vielen Dank für die netten Worte und Entschuldigung, dass ich Sie mit meiner Antwort so lange hab warten lassen.

Sie fragten nach den "subtilen Botschaften". Das bezog sich auf die fiktive (und, wie ich jetzt weiß, unrealistische) Äußerung, die ich hier noch einmal sinngemäß in direkter Rede wiedergebe. Chefin zum Kunden: "Das übernimmt mein Juniortexter, der hat gerade Kapazitäten frei."

Leider habe ich in meinem Beitrag zwei mögliche Szenarien vermischt, nämlich Szenario 1, oben an zweiter Stelle: Die Juniortexterin ist nicht anwesend. Dann stellt sich der genannte Überraschungseffekt ein. Szenario 2: Der Satz wird in ihrem Beisein geäußert. Ich versuchte mir vorzustellen, wie das auf mich wirkte, und kam zu dem Schluss: Es wirkte despektierlich, weil dadurch die Person (die Kollegin) auf deren Funktion (das Texten) reduziert wird.

"Mein Texter steht Ihnen zur Verfügung." Mein Textomat, sozusagen: Einfach Briefing eingeben, "Enter" drücken, dann spuckt er nach der eingestellten Bearbeitungszeit die gewünschte "Copy" aus. Das Gegenstück in einer rein männlichen Arbeitsumgebung wäre vielleicht: "das Texter".

So ließe sich ausdrücken, und zwar subtil, also ohne es direkt zu sagen: "Mein Texter spurt, machen Sie sich da mal keine Gedanken, und fürs Zwischenmenschliche wenden Sie sich bitte ausschließlich an mich." Wie gesagt, alles reine Spielerei. Dass Ihre Chefin nie so denken würde, haben Sie ja signalisiert.

Habe ich mich jetzt weniger mysteriös ausedrückt?

Fragt grüßend der
Herr W.

PS: Nach dem Satz "in unserem speziellen Fall auch völlig zu Recht" haben Sie aber einen Smiley vergessen. ;-)

Kommentar zu SEO versus Emanzipation, Suchmaschinenoptimierung live?

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